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Prokon: es ist Zeit etwas zu verändern…

Prokon – Planisolvenz, Schneeballsystem oder lukrative grüne Geldanlage. Was sind eigentlich Genussscheine und wie soll ich mich als Anleger verhalten?

… und das lohnt sich. Mit diesem Slogan wirbt Prokon um Anlegergelder. Wir haben bisher diesem Treiben mit Abstand zugeschaut, diese Anlage unseren Kunden nicht empfohlen und auch sonst keine Berührungspunkte mit dem Itzehoer Windkraftanbieter. Wir wundern uns, dass die Aufmacher in Presse, Funk und Fernseher derzeit immer sehr reißerisch daherkommen, die anschließenden Empfehlungen aber meist wachsweich formuliert werden.

Haben die Autoren, Experten und Anlageschützer Beisshemmungen entwickelt? Wir glauben, dass viele den Kirch-Prozess gegen die Deutsche Bank noch im Hinterkopf haben,  in dem der Medienmogul den Vorwurf erhob, dass seine Insolvenz maßgeblich durch eine Äußerung des damaligen Deutsche Bank Chefs Rolf Breuer ausgelöst wurde.

Doch bevor auch wir eine wachsweiche Empfehlung aussprechen, schauen wir doch etwas genauer hin.

Ungenießbare Genussscheine?

Was ist den eigentlich ein Genussschein, wird mancher Anleger fragen. In einschlägigen Ausbildungen lernen wir, dass es sich um eine Urkunde handelt, die Rechte verschiedener Art an einer Unternehmung unabhängig von der Rechtsform verbrieft (Wirtschaftslexikon Gabler).  Das Interessante dabei, ist die freie Gestaltung der Genussrechte. Anders als die Aktie erhält der Inhaber des Genussrechts zum Beispiel kein Stimmrecht. Er kann also die Geschicke der Unternehmung nicht mitbestimmen.

Anders als bei Anleihe ist es außerdem möglich, Zinszahlungen zu kürzen, auszusetzen oder zu verschieben. Böse Zungen behaupten daher, Genussscheine verbinden die Nachteile von Anleihen und Aktien. Diese Nachteile werden dem Inhaber des Genussscheins dann in der Regel mit einem entsprechend attraktiven Zins vergütet.

Welche Regelungen hat nun die Prokon für Ihre Genussscheine festgelegt? Hier ein Auszug wesentlicher Bestimmungen:

  • „Voraussetzung für die Auszahlung, Wiederanlage bzw. Ansammlung der Grundverzinsungen und der Überschuss-beteiligungen sowie eventueller Nachzahlungsansprüche ist eine ausreichende Liquidität der Emittentin.“ (§ 5.2)
  • „Für den Fall, dass die Emittentin nicht in der Lage sein sollte, das Genussrechtskapital mit einer Realverzinsung (Nominalverzinsung abzüglich Inflationssatz) von mindestens 2,5 % zu bedienen, so ist die Geschäftsführung der Emittentin gemäß § 5 Abs. 9 des Gesellschaftsvertrages der Emittentin verpflichtet, etwaige Rücklagen in der jeweils notwendigen Höhe aufzulösen, um eine Realverzinsung von mindestens 2,5 % des Genussrechtskapitals zu erreichen.“ (§ 5.3)
  • „Die Emittentin ist außerdem berechtigt, nach freiem Ermessen bis zu 2,5 % ihres Jahresüberschusses nach Steuern und vor Genussrechtsverzinsung für wohltätige und soziale Zwecke zu verwenden.“ (§ 5.4)
  • „Reichen der Jahresüberschuss bzw. … die stillen Reserven der Emittentin zur Zahlung… der Grundverzinsung des Genussrechtskapitals gemäß § 6 nicht oder nicht ganz aus, reduziert sich der auf das jeweilige Jahr entfallende Ausschüttungs-, Wiederanlage- bzw. Thesaurierungsbetrag entsprechend.“ (§ 5.5)
  • „Weist die PROKON Regenerative Energien GmbH in ihrem Jahresabschluss einen Jahresfehlbetrag aus, wird dieser nach vollständiger Aufzehrung der gesetzlichen und eventuellen gesellschaftsvertraglichen Rücklagen rechnerisch zunächst bis zur Höhe des vorhandenen Stammkapitals den Gesellschaftern zugewiesen. Sollte die Emittentin darüber hinausgehende Verluste ausweisen, nimmt das Genussrechtskapital rechnerisch daran bis zur vollen Höhe teil. Die Rückzahlungsansprüche der Genussrechtsinhaber vermindern sich rechnerisch entsprechend.“ (§ 5.7)
  • „Die Forderungen aus den Genussrechten der PROKON Regenerative Energien GmbH treten gegenüber allen anderen Ansprüchen von Gläubigern der PROKON Regenerative Energien GmbH im Rang zurück.“ (§ 10)
  • „Die Geschäftsführung und Vertretung der Emittentin obliegt gemäß Gesellschaftsvertrag den Geschäftsführern. Den Genuss-rechtsinhabern stehen grundsätzlich keine gesellschaftlichen Mitwirkungsrechte zu. Insbesondere sind sie nicht zur Teilnahme an den Gesellschafterversammlungen berechtigt und haben auch keine Stimmrechte.“ (§ 12.1)
  • „Die Genussrechtsbedingungen können geändert werden, soweit hierdurch wesentliche Regelungen des Vertragsverhältnisses nicht berührt werden und dies zur Anpassung an Entwicklungen erforderlich ist, welche bei Vertragsschluss nicht vorhersehbar waren und deren Nichtberücksichtigung die Ausgewogenheit des Vertragsverhältnisses merklich stören würde.“ (§ 16.1)

Die Prokon weist Genussrechte nach Typ A (unbestimmte Laufzeit) und Typ B (Laufzeit zwischen 5 und 10 Jahren) aus. Die Laufzeit bei Typ B wird vom Inhaber bei Zeichnung fesgelegt. Eine vorzeitige Kündigung ist bei Typ B nicht vorgesehen.  Bei Genussrechten nach Typ A kann eine Kündigung durch Prokon oder den Inhaber mit einer Frist von vier Wochen zum Monatsende ausgesprochen werden, erstmalig nach sechs Monaten Mindesthaltedauer.

Wirksam gekündigte Genussscheine muss die Prokon 14 Tage nach dem Zeitpunkt, zu dem gekündgt wurde, zurückzahlen. Die Höhe der Rückzahlung erfolgt zum Buchwert und ist auf Nennwert begrenzt.

Im Gegenzug erhalten die Inhaber der Genusscheine eine Grundverzinsung von 6% sowie eine Überschussverzinsung, die von 2003 bis 2005 noch einmal 1,25% p.a. und seit 2006 2% p.a. beträgt.

Es wird zwar damit geworben, dass keinerlei Gebühren für Kauf, Verkauf, Verwaltung, Übertragung der Genussrechte anfallen. Doch die Anmerkung sei erlaubt, dass gem. Geschäftsbericht 2011 die mit der Einwerbung des Kapitals betraute PROKON Energiesysteme GmbH eine Vergütung von 6% erhält. Diese wird nicht vom Anleger, sondern von der PROKON Regenerative Energien GmbH gezahlt.

Prokon Geschäftsbericht 2011

Eines vorweg: wir haben uns nicht en détail mit dem jüngsten veröffentlichtem Geschäftsbericht der Prokon auseinandergesetzt. Außerdem ist das Geschäftsjahr 2011 geprägt von einer tiefgreifenden Umstrukturierung der diversen Prokon Gesellschaften, so dass kein einfacher Vergleich zur Bilanz 2010 gezogen werden kann. Daher möchten wir an dieser Stelle keine Prognosen abgeben, wie werthaltig das Geschäftsmodell und die Prokon-Bilanz sind.

Wir haben dennoch einmal all die bunten Seiten des Geschäftsberichts 2011 überblättert und uns den nackten Jahresabschluss angeschaut. Dabei ist uns Folgendes aufgefallen:

  1. Warum gibt es noch keinen Geschäftsbericht und Jahresabschluss 2012, obwohl dieser spätestens zwölf Monate nach dem Bilanzstichtag (bei Prokon: 31.12.) zu veröffentlichen ist?
  2. Die Aktiva der Bilanz 2011 bestehen zum großen Teil aus den Windkraftanlagen (585 Mio. €) und sog. Ausleihungen an verbundene Unternehmen, und zwar das Bio-Ölwerk Magedburg GmbH (121 Mio. €) und die HIT Holzindustrie Torgau OHG (134 Mio. €). Um die Werthaltigkeit dieser Ausleihungen zu bewerten, müssen also zunächst die Bilanzen der beteiligten Unternehmen analysiert werden. Diese liegen im Falle der HIT Holzindustrie Torgau leider nicht vor. Aus einem von HIT veröffentlichten Schreiben geht hervor, dass Prokon die HIT Holzindustrie 2010 durch Darlehensgewährung vor einer Insolvenz bewahrt hat. Damals waren Banken nicht bereit, die Zahlungsfähigkeit der HIT Holzindustrie sicherzustellen. HIT Holzindustrie ist jedenfalls kein Geschäftsbereich der Prokon, sondern lediglich Darlehensnehmer. Dennoch fällt auf, dass die Werte (Umsatz, Erlöse, Mitarbeiter etc. ) im Bericht der Prokon mit in die Darstellungen eingeflossen sind. Lediglich im Fußtext wird darauf hingewiesen, dass eine direkte Unternehmensbeteiligung angestrebt, demnach aber noch nicht erricht wurde.
  3. Hier schließt sich die Frage an, was bei einer Planisolvenz der Prokon aus dem Darlehen an die HIT Holzindustrie werden würde. Es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass die HIT Holzindustrie die langfrstig angelegten Darlehen bedienen könnte, da sich die Praxis der Darlehensvergabe der Banken gegenüber 2010 nicht grundlegend verbessert hat. Ob die HIT Holzindustrie heute wettbewerbsfähiger ist, dazu fehlen handfeste Informationen.
  4. 2011 gab es Rangrücktrittserklärungen in Höhe von 38 Mio. € in Zusammenhang mit dem Bio-Ölwerk Magdeburg. Kommt es hier zu unplanmäßigen Verwerfungen, werden die Forderungen der Prokon nur nachrangig bedient.
  5. Die Prokon Energiesysteme hat 2011 auf ca. 20 Mio. € Vertriebsprovisionen für die Einwerbung von Genussrechtskapital verzichtet, um die Geschäftzsbeziehung zu stärken. Ohne diesen Verzicht wäre es 2011 für die Prokon nicht zu einem Jahresüberschuss gekommen, der gerade einmal 2,5 Mio. € betrug. Es drängt sich die Frage auf, ob ohne diesen Verzicht eine Verzinsung der Genussscheine in Höhe von 8%  möglich gewesen wäre?
  6. Es handelte sich bei Prokon 2011 nicht um ein Schneeballsystem, bei dem die Ansprüche der ersten Anleger mit dem frischen Kapital der nachfolgenden Investoren bedient werden. Denn insgesamt erwirtschaftet das Unternehmen 2011 Erlöse aus Windkraft in Höhe von 42 Mio. €. Blendet man die anderen Geschäftsbereiche aus und verteilt diese Erlöse auf die Genussrechteinhaber, ergäbe sich eine Rendite von 5,64%.  Aktuellere Aussagen sind nicht möglich.
  7. Eine betriebswirtschaftliche Grundregel lautet, Anlagegüter analog zur Abschreibungsdauer zu finanzieren. Das langfristige Gut Windkraftanlage (Prokon geht von einer 25jährigen Abschreibungsdauer aus), wird mit deutlich kürzeren Laufzeiten (Typ A: 1 Monat / Typ B: 5 bis 10 Jahre) finanziert. Hieraus folgt nun auch die betriebswirtschaftliche Not, mit der Prokon aktuell konfrontiert ist.
  8. Warum gibt es keine aktuellen Zahlen, wie viele der Genussrechte nach Typ A bestehen, und somit monatlich kündbar sind?

Unsere Empfehlung

Unsere Empfehlung an Prokon Genussrechteinhaber: fordern Sie von der Prokon aktuelle Geschäftsberichte an. Dies wird Ihnen durch die Genussrechtbedingungen zugesichert:“Jedem Genussrechtsinhaber wird jedoch auf Wunsch jährlich der Jahresabschluss der Emittentin, bestehend aus Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Lagebericht an seine der Emittentin zuletzt bekannt gegebene Adresse zugesandt.“

Neben der grundsätzlichen Frage, wie Sie die Ertragsaussichten der Prokon bewerten, spielt natürlich auch die Taktik eine Rolle: wie werden sich die anderen Anleger verhalten? Den letzten beißen die Hunde, wie es so schön heißt. Spätestens Ende Januar werden wir sehen, ob die Prokon ohne Planisolvenz über die Runden kommt.

Aus unserer Sicht spielt es daher keine große Rolle, wie Sie sich aktuell entscheiden. Entweder bleibt ein großer Anteil der Genussrechteinhaber bei seiner Kündigung, dann geht Prokon in die Planisolvenz. Ein Ergebnis der Planinsolenz: alle Genussrechteinhaber werden gleich behandelt.

Verbleiben 95% der Genussrechte bei Prokon, dann können Sie auch im Februar 2014 noch in Ruhe entscheiden, ob Sie weiterhin Genussrechtsinhaber bleiben möchten oder nicht.

Von Johannes Zeyse

Nach meinen Wanderjahren bin ich gerne mit meiner Familie in die Hansestadt zurück gekehrt. Claritos habe ich zusammen mit meinem langjährigen Kollegen Ákos Benkö gegründet, um Klarheit ins Thema Finanzen und Versicherungen zu bringen. Für uns und für unsere geschätzten Kunden!

Mein fachliches Interesse galt und gilt insbesondere dem Thema Impact Investing: welche Auswirkungen hat mein Investtionsverhalten für mein Vermögen und dort, wo ich es investiere.

2015 habe ich mich als Generationberater (IHK) qualifiziert, um meinen Kunden eine adäquate Begleitung in Sachen Ruhestands- und Nachfolgeplanung zu ermöglichen.

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